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Über meine Tochter

Das Kunstleder der blauen Massageliege unter mir ist weich, schmiegt sich hingebungsvoll an meinen Rücken und lädt mich ein, es mir gemütlich zu machen, loszulassen. Es ist mir danach, Anné noch einmal anzusehen. Sie kennt mich so gut und berührt mein System immer mit Samthandschuhen. Bei ihr kann mir nichts passieren und ich kann mir erlauben, ganz aufzumachen, sie mitzunehmen, oder einfach wegzureisen, denn sie bleibt ja da, passt auf. Sie setzt sich an mein Fußende, schenkt mir noch ein wohlwollendes Lächeln. Ich schließe meine Augen und ein paar Sekunden später gehen ihre Hände mit meinen Füßen in den Austausch, in Verbindung.

Wärme, ein Kribbeln, Vibrieren, Einheit. Dann löse ich mich von hier, vom Jetzt, von der materiellen Ebene und bin woanders, sehe alles wie durch das Okular einer Kamera, bin Zuschauerin.

Da bist du auf einmal. Deine Augen strahlen mich an, tiefgrün, mit leichtem Braunstich und einer leuchtenden Bernsteinnote spielen sie mit dem Sonnenlicht um die Wette. Du stehst im Sand, deine Füße eingegraben, geerdet und doch leicht wie eine Elfe, auf den Zehenspitzen tanzend, im Rhythmus der sanften Wellen.

Eine leichte Meeresbrise spielt mit deinen braunen, langen Haaren, gibt ihnen Luft, ihre Richtung zu finden, unabhängig zu sein, freischwebend, oder mit anderen eine verwobene Verbindung einzugehen. Ein leichtes, cremefarbenes Sommerkleid folgt zaghaft der Richtung deiner Haare, schlägt immer wieder kleine, unschuldige Falten, die schon einen Wimpernschlag später nicht mehr nachweisbar sind.

Deine Gesichtszüge sind so weich, etwas rund, geschmeidig. An deinen Wangen zeichnen sich schüchterne Grübchen ab, sie unterstreichen deine Freude.


Deine untere Hälfte ist nach vorne zum Wasser gerichtet, dein Oberkörper windet sich über deine rechte Seite in meine Richtung, wie ein Korkenzieher. Deine rechte Schulter gibt ihren Arm frei, parallel zum schrägen Sandboden, wie eine Straße auf mich zeigend, um mich abzuholen, die kleine Hand geöffnet, liebevoll auf meine wartend.

„Komm, Mama.“ Sagst du, strahlend, kindlich weise, unbedarft. Für mich bist du das Abbild von Begeisterung, Neugierde, Abenteuerlust. Du bist so jung, vielleicht fünf, so wunderbar hier, sorglos, hoffnungsvoll, vor Lebensfreude sprudelnd. Und ich sehe die alte Frau in dir, die so viel weiß, so klar ist, von der ich noch so viel lernen darf und die ich wahrscheinlich zu oft unterschätzen werde.

Mein Körper antwortet mit Aufregung, Wärmewellen, fließend von oben nach unten, von Kopf bis Fuß und Freude, dich sehen zu dürfen. Noch nie hat sich mir jemand so angekündigt wie du gerade. Ein kurzer, so besonderer Einblick in das, was mal sein darf mit dir, meiner Tochter. Liebe pur.


So schnell, wie du in mein Bewusstsein kamst, so schnell verschwindest du jetzt wieder aus meinem Sichtfeld, bleibst vielleicht am Strand. Ich komme zurück auf die Liege in meinen Körper, spüre Anné’s Hände an meinen Fußsohlen, ihre schützende Berührung. Mein Körper ist angenehm schwer, mit der Unterlage verwachsen, in Trance, prozessierend, im Fluss.

Wow. Ich werde Mama, irgendwann. Deine Mama.

 
 
 

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